2353 Guntramsdorf
Neu-Guntramsdorf, Dr.-Karl-Renner-Straße 19
1962-65

Nach dem Anschluss Österreichs 1938 wurde der schon im 12. Jahrhundert erwähnte Ort Guntramsdorf in den 24. Bezirk der Stadt Wien eingemeindet und nördlich des Ortes ein neues Wohnbaugebiet erschlossen. Nach dem Krieg wurde Guntramsdorf wieder eine eigene Gemeinde und es entstanden weitere Wohn- und Siedlungshäuser. Als 1949 mit dem Neubau der durch Bomben zerstörten Guntramsdorfer Pfarrkirche begonnen wurde, wurde gleichzeitig im neuen Siedlungsgebiet eine kleine hölzerne Notkirche errichtet, die Platz für 50 Besucher bot. 1957 wurde ein Pfarrhof und ein Pfarrheim erbaut. Im Jahr 1960 erhielt das neu entstandene Siedlungsgebiet auf Wunsch der Bevölkerung die Bezeichnung Neu-Guntramsdorf. 1962 erfolgte der Abbruch der hölzernen Notkirche, um einem größeren Kirchenbau Platz zu machen, mit dem Bruno Tinhofer beauftragt wurde.
Der Architekt entwarf einen modernen, flach gedeckten Betonbau mit niederen Seitenschiffen, die an der Eingangsfassade als Vorraum weitergeführt sind. Getrennt vom Baukörper entstand auf der rechten Seite des Vorraums ein hoher schlanker Glockenturm. Ein niederer gedeckten Gang stellt die Verbindung der beiden Gebäudeteile her.
Die Kirche wurde 1962-1965, genau in der Zeit errichtet, als das 2. Vatikanische Konzil stattfand, und Tinhofers Entwurf zeigt noch die typischen Merkmale des vorkonziliaren Kirchenbaus. (mehr hier) Einerseits griff er moderne, in der liturgischen Bewegung der 1920er Jahre formulierte Gestaltungskonzepte auf, gleichzeitig aber rief er mit einzelnen – freilich modifizierten - Komponenten noch die Erinnerung an einen traditionellen Kirchenbau hervor.
Der hohe Baukörper ist im Kircheninneren als moderner, rechteckiger Gemeinschaftsraum mit einer gerade geschlossenen Altarwand ausgebildet. Durch die zum Hauptraum hin geöffneten, niederen Seitenschiffe wird jedoch der Eindruck eines herkömmlichen dreischiffigen Langhausbaus hervorgerufen. Diese assoziative Wirkung wird im Altarbereich noch verstärkt, indem die Seitenschiffe in die zum Hauptraum abgemauerte Werktags- und Taufkapelle bzw. Sakristei münden, sodass die Wirkung eines traditionellen, eingezogenen Chorhauptes entsteht.
Der lang gestreckte Rechteckraum erlaubte nur die herkömmliche Aufstellung der Kirchenbänke in zwei Blöcken mit einem Mittelgang, und die Situierung des Altars auf einem Stufenpodest impliziert noch die früher übliche Trennung des Altarbereichs vom Laienraum. Der Altar wurde allerdings bereits als Volksaltar aufgestellt, an dem der Priester die Messe zu den Gläubigen zugewendet zelebriert. Der Altar sowie Stelen, die gläserne Weihwasserschalen tragen, sind aus schwarzem Marmor hergestellt.
Die Belichtung der Kirche erfolgt durch ein unmittelbar unter der Decke rundum laufendes schmales Fensterband, das durch hohe Betondeckenträger unterteilt wird. In den Seitenschiffen sind von Charlotte Klima Buntglasfenster als Kreuzwegstationen gestaltet. Bemerkenswert ist, dass die Seitenschiffe zwar als Seitenkapellen eingerichtet sind, die Vorderseite der Altäre jedoch zum Hauptraum hin ausgerichtet sind.
Im Jahr 2008 wurden vom Büro Runser-Prantl-Architekten das 1957 errichtet Pfarrhaus und Jugendheim umgebaut und der Kirchenplatz neu gestaltet.
In den Jahren 2018/19 wurde die Kirche im Inneren umfassend renoviert. Die Holzverkleidung der Altarwand, die laut Norbert Roth an die kleine Notkirche erinnern sollte, wurde entfernt und kleinere Holzpaneele strukturieren nun die mit weißen Platten verkleidete Wand, wodurch sich das aus der Bauzeit stammende kleine Kruzifix deutlicher abhebt.
Weiters wurde die Werktags- und Taufkapelle zu einem Mehrzweckraum umfunktioniert, und damit gleichzeitig der Altarbereich des Hauptraums neu eingerichtet. Denn der marmorne Taufstein fand nun seinen Platz neben dem Hauptaltar und der Kapellenaltar wurde zu einem Ambo für den Hauptraum umgestaltet. Der Merkzweckraum erhielt einen mobilen Altar und ein Lesepult aus einer leichten Holzkonstruktion, um die Aufstellung an einem anderen Ort zu ermöglichen.
Insgesamt ist es dem Architekt Tinhofer gelungen, eine stimmige Verbindung zwischen modernem Gestaltungswillen und der Erinnerung an die traditionelle Bauweise herzustellen. Die schlichte Ausgestaltung mit nur wenigen Akzenten aus schwarzem Marmor und Holz sowie die helle Belichtung bewirken eine würdevolle Raumatmosphäre. Der imposante Kirchenbau fügt sich mit dem Pfarrzentrum zu einem ästhetischen Ensemble und verhilft dem Ortsteil Neu-Guntramsdorf zu einem attraktiven Zentrum.