3871 Gem. Brand-Nagelberg
Alt-Nagelberg, Hauptstraße 119
1959-1960
Bereits 1780 ließen die Besitzer der Glashütte Nagelberg neben der Fabrik eine kleine Kapelle errichten. Da Alt Nagelberg zur Pfarre erhoben werden sollte, die Kapelle als Pfarrkirche jedoch ungeeignet war, plante der St. Pöltner Kirchenbauverein bereits in den 1920er Jahren eine größere Kirche zu erbauen. Unstimmigkeiten mit den Inhabern der Glashütte verzögerten jedoch das Vorhaben, und erst als die Diözese St. Pölten ein Grundstück zur Verfügung stellte, konnte 1959 mit dem Neubau begonnen werden.
Mit der Planung wurde der Wiener Architekt Josef Friedl beauftragt, der sich in Niederösterreich bereits durch etliche Kirchenbauten einen Namen gemacht hat. Friedl entwarf einen schlichten, ca. 31 Meter langen und 17 Meter breiten Saalbau mit einem Rechteckchor, dem seitlich zwei höhere Seitenteile sowie ein quadratischer, 37 Meter hoher Turm angefügt sind. Die Hanglage ermöglichte die Errichtung eines Untergeschosses, in dem sich ein Pfarrsaal, eine Werktagskapelle, Jugendräume sowie die Heizanlage für die Kirche befinden.
Die Kirche entstand vor dem Zweiten vatikanischen Konzil und zeigt deutlich das Bestreben vieler Architekten jener Zeit, moderne architektonische Konzepte mit herkömmlichen, den Gläubigen vertrauten Gestaltungsprinzipien zu verbinden. Zugleich zeigt sie die Offenheit der Architekten gegenüber zeitgemäßen Baustoffen bei gleichzeitiger Wertschätzung traditioneller Materialien. (mehr hier)
Friedl plante einen modernen, stützenlosen Gemeinschaftsraum, dem er jedoch auf subtile Weise das Prinzip eines dreischiffigen Langhauses einschrieb. Am Außenbau ist dies an der Chorseite durch die Dreiteilung in den Chor und die zwei Seitenteile erkennbar. Diese Gliederung setzt sich im Innenraum fort, indem der durch Stufen erhöhte Chor durch seitliche, schmale Querwände verengt wird. Auch bei der mit Holz verkleideten Flachdecke ist diese Dreiteilung erkennbar: Die gerippte hölzerne Decke des Chors wird in der gleichen Breite in den Hauptraum weitergeführt, während abgehängte, schlichter gestaltete Holzdecken gleichsam Seitenschiffe markieren.
Friedl errichtete die Kirche aus Stahlbeton, was ihm auch eine moderne Abwandlung der traditionellen Verwendung von Wandpfeilern erlaubte. Das Baumaterial unverputzt zur Schau stellend, hat Friedl die gewohnte Statik in fast postmoderner Manier gleichsam auf den Kopf gestellt und die Pfeiler von der Decke zum Boden hin verjüngt. Zwischen ihnen sind raumhohe, zick-zackartig gefaltete Fenster mit moderner Glasmalerei eingefügt, die wie Fiedl selbst erläutert, „dem Kirchenraum einen weihevollen Charakter geben“. (Die Furche 1961)
Die Verbindung von Moderne und Tradition zeigt Friedl nicht nur bei der Verwendung von Stahlbeton und Holz. Er betonte, dass er auch das „heimische Baumaterial [Granit] vielfach verwendet habe“. So ist das Untergeschoß als Granitsockel ausgeführt und die Altarwand ist aus dem gleichen Stein hergestellt. Die Orgelempore ruht auf zwei Granitpfeilern, und die Taufkapelle neben der Orgelempore erhielt ein Rosettenfenster aus Granit mit Glasmalereien.
Insgesamt gelang dem Architekten Josef Friedl ein repräsentativer und monumentaler Kirchenbau, der in seiner modernen, zeitgenössischen Formensprache auch traditionell gesinnte Besucher anzusprechen vermag.