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Aktuelle Seite: Mödling-Waisenhauskirche
NÖS-317
Bez. Mödling

Eugen Sehnal

1886

Die erste christliche Siedlung Medilihha entstand im 9. Jahrhundert mit der Errichtung der St. Martinskirche auf dem Gebiet des heutigen Waisenhausareals. Es wird angenommen, dass sie bereits zu dieser Zeit die Funktion einer Pfarrkirche innehatte. Nach der Zerstörung der Siedlung durch die Magyaren wurde der Ort mit einer kleinen Kirche in der Nähe der Burg Mödling neu errichtet. Trotz der Verschiebung des Siedlungsgebiets wurde die Martinskirche wieder aufgebaut und rundum ein Friedhof angelegt. Sie blieb weiterhin die Pfarrkirche des großräumigen Pfarrgebiets, bis diese Funktion 1454 der neu errichteten Kirche St Othmar im Ortszentrum übertragen wurde. Die Martinskirche behielt ihre Bedeutung als Friedhofskirche, ehe sie 1787 wegen Baufälligkeit abgebrochen wurde. Der Friedhof blieb weiter bestehen und wurde später noch erweitert, 1876 jedoch aufgelassen und in den Süden der Stadt Mödling verlegt.

Im Zuge der Stadterweiterung Mödlings ergriff Josef Schöffel, Mitglied des Niederösterreichischen Landesausschusses und ehemaliger Bürgermeister von Mödling (1873–1882) die Initiative, den Bereich des früheren Friedhofs sowie das umliegende, weitgehend unbebaute Areal mit der Errichtung einer Waisenhausanlage mit Kirche einer neuen Nutzung zuzuführen. Für dieses Vorhaben gewann er seinen Freund, den weltberühmten und wohlhabenden Anatomen Dr. Josef Hyrtl als Stifter, und gemeinsam gründeten sie im Jahr 1885 den „Verein zur Gründung und Erhaltung eines Waisenhauses“.

Aus einem beschränkten Wettbewerb für die gesamte Anlage ging der Wiener Architekt Eugen Sehnal als Sieger hervor. Bereits 1886 entstand in einer ersten Ausbaustufe die Kirche, ein Waisenhaus für 44 Kinder sowie ein Miethaus, dessen Erträge zur Erhaltung des Waisenhauses bestimmt waren. Gleichzeitig errichtete die Gemeinde eine Volksschule, die in das Gesamtbaukonzept integriert wurde.(Leider wurde die Fassade des Waisenhaustrakts im Zuge einer Umwidmung zerstört.)

Die beiden Gründer verfolgten ein fortschrittliches pädagogisches Konzept: Zusätzlich zu den Schulen für Knaben und Mädchen wurden Werkstätten zur beruflichen Ausbildung der Heranwachsenden eingerichtet, ein Schwimmbad gebaut und eine großzügige Gartenanlage mit einem Spielplatz und einem Eislaufplatz im Winter angelegt, um den Kindern einen gesunden Aufenthalt im Freien zu ermöglichen. Weiters gab es einen Exerzierplatz, um die Buben – ausgestattet mit Kindergewehren der Österreichischen Waffenfabriks-Gesellschaft Werndl – auf eine Soldatenlaufbahn vorzubereiten. Nach dem vollständigen Ausbau der pavillonartig angelegten Gebäude erreichte das Waisenhaus Anfang des 20. Jahrhunderts mit 712 Zöglingen seinen Höchststand.

Der Architekt Eugen Sehnal, ein Schüler des bedeutenden Ringstraßenarchitekten Heinrich Ferstel, war ein typischer Vertreter des Späthistorismus, der das Formenrepertoire sämtlicher historischer Stile souverän beherrschte. Während er 1874 die Evangelische Kirche in Mödling in Renaissanceformen gestaltete, orientierte er sich bei der Planung der Waisenhauskirche – den Vorgaben der katholischen Amtskirche entsprechend – an einem mittelalterlichen Stil.

Obwohl die Gotik als Idealstil des Kirchenbaus galt, war es insbesondere gegen Ende des Jahrhunderts aus ökonomischen Gründen üblich, Kirchen „zweiten Ranges“ – etwa Ordens- oder Spitalkirchen – im romanischen Stil zu errichten, da dieser keine Steinmetzarbeiten erforderte und daher deutlich kostengünstiger umzusetzen war. (mehr hier)

Angesichts des großen, kostenintensiven Waisenhausprojekts griff auch Sehnal Formen des romanischen Stils auf und plante an der Stelle der ehemaligen Martinskirche einen traditionellen, einschiffigen Sichtziegelbau mit einer Einturmfassade, einem Querschiff und einem polygonalen Chor.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeigte sich in der Kirchenarchitektur ein deutlicher Trend, dem Baukörper durch die Akzentuierung einzelner Formelemente ein malerisches Erscheinungsbild zu verleihen. In diesem Sinne bereicherte Sehnal die Chorseite mittels eines Chorumgangs, der jedoch zum Innenraum hin abgemauert wurde und - im Gegensatz zur ursprünglichen liturgischen Bestimmung – als Zugang zu der in der Mitte angefügten Sakristei ausgeführt ist.

An der Eingangsseite verbreiterte der Architekt das Emporenjoch, wodurch nicht nur die Längswände eine aufgelockerte Wirkung erhielten, sondern die Fassade eine optische Verbreiterung erfuhr, die der Kirche eine zurückhaltende Monumentalität verlieh.

Der 37,5 Meter hohe Turm setzt die malerische Gestaltungsweise mit seinem hohen Spitzhelm und den vier Ecktürmchen fort, ähnliche Türmchen zieren auch die Querhausarme. Zahn- und Konsolenfriese aus Ziegelmaterial verweisen auf die Zugehörigkeit zum romanischen Stil. Den vorspringenden Eingang zieren vier Sandsteinfiguren von Heiligen. Dabei soll St. Pantaleon, der Patron der Ärzte, die Gesichtszüge des Stifters Hyrtl, und St. Martin, der Patron der Armen, jene des Gründers Schöffel tragen.

Im schlicht gestalteten Innenraum übernimmt Sehnal mit einem Kreuzgratgewölbe, der halbrunden Apsis, Rundbogenfenstern und Rundfenstern ebenfalls romanisches Formenvokabular. Zwei dieser ornamental gestalteten Rundfenster zeigen Porträts von Schöffel bzw. Hyrtl. Der aufwändig gestaltete Baldachinaltar unterstreicht die Bedeutung, die der Kirche im Rahmen der Waisenhauserrichtung beigemessen wurde. Nur acht Monate nach der Grundsteinlegung fand im November 1886 die feierliche Weihe der Kirche statt. Als Zeichen der Wertschätzung für den Gründer Josef Schöffel und den Stifter Josef Hyrtl wurde der Hl. Josef zum Kirchenpatron gewählt.

Im Jahr 1979 wurde in der Kirche eine evangelische Predigtstelle eingerichtet und 1985 wurde die Evangelische Gemeinde Mödling die Hauptmieterin der Kirche. Im Jahr 2021 erfolgte die Übertragung der Kirche an die Serbisch-Orthodoxe Gemeinde Hl. Nikolaus von Myra mit dem Beschluss, künftig gemeinsame Feiern und Messen aller drei Konfessionen zu veranstalten.

Die umliegenden Gebäude des Waisenhauses entwarf Sehnal in fantasievollen Neorenaissanceformen. Der Trakt in der repräsentativen Hauptachse der Anlage ist am aufwändigsten gestaltet. Der Mittelrisalit stellt mit neoromanischen Formulierungen den Bezug zur Kirche her.  Die Kombination von Sichtziegeln mit hellen Putzfeldern ergänzen das malerische Erscheinungsbild des bemerkenswerten historistischen Ensembles.

Heute sind in den Gebäuden mehrere Schultypen und verschiedene Institutionen untergebracht.

Historismus