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Aktuelle Seite: Gmünd-Evangelische Friedenskirche
NÖS-78
Bezirk Gmünd

Clemens Kattner

1910-1911

Mit der Errichtung der Kaiser Franz Josef Bahn und des Bahnhofs in Gmünd im Jahr 1869 setzte im nördlichen Waldviertel eine verstärkte industrielle Entwicklung ein, die zahlreiche Arbeitskräfte anzog, von denen ein Teil dem protestantischen Glauben angehörte. Diese Zuwanderer waren zunächst der evangelischen Pfarrgemeinde in Znaim/Znojmo zugeordnet. Erst 1887 richtete die Pfarre Znaim in Heidenreichstein eine eigene Predigtstation ein. Als Vikar wurde Wilhelm Borchers eingesetzt, dem zusätzlich die Regionen Gmünd und Waidhofen an der Thaya zugewiesen wurden.

Zum großen Missfallen der Heidenreichsteiner wählte Borchers jedoch Gmünd nicht nur als Wohnsitz, sondern begann dort auch regelmäßig zu predigen. Er gründete eine eigene Predigtstation und ließ – nur zwei Jahre nach der Fertigstellung der Kirche in Heidenreichstein – in Gmünd ebenfalls eine Kirche errichten.

Mit der Planung wurde der renommierte Wiener Architekt Clemens Kattner beauftragt. Kattner entwarf einen länglichen Hauptraum mit einem rechteckigen Altarbereich und einem seitlich angefügten Turm. In der Fortsetzung des Turms ist dem Hauptraum ein Versammlungsraum angefügt. An der Rückseite der Kirche schließt das einstöckige Pfarrhaus mit der Wohnung des Pfarrers an. Der Eingang zur Wohnung dient auch als Zugang zum Versammlungsraum.

Durch den massiven Gebäudesockel aus Granitsteinen, die sich zwischen den Rundbogenfenstern emporziehen, stellt Kattner einen regionalen Bezug zu den reichen Granitvorkommen des Waldviertels her. Die unregelmäßig angeordneten Granitsteine an den Eckkanten des Turms verstärken zudem die malerische Wirkung des Bauwerks.

Die Hauptfassade ist durch hohe schmale Rundbogenfenster sowie einem Rundfenster gekennzeichnet. Im Erdgeschoss des Turms befinden sich der Zugang zur Kirche sowie ein hölzerner Stiegenaufgang, der einerseits zur Orgelempore und andererseits zu einer weiteren Empore an der Längswand des Hauptraums führt, die sich im Dachgeschoss oberhalb des Versammlungsraums befindet.

Der schlicht gestaltete Innenraum ist durch große Rundbogenfenster hell belichtet. Die Längswand zum Versammlungsraum ist durch blickdichte Rundbogenfenster aufgelockert. Die Verwendung des warmen Materials Holz an der Kirchendecke, der Orgelempore sowie den seitlichen Brüstungen verleiht dem Raum eine freundliche Atmosphäre.

Das Gebäude ist von einer Gartenanlage umgeben und bildet insgesamt ein heimatstilartiges, malerisches Ensemble, das sich harmonisch in das damalige Ortsbild einfügte.

Historismus