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Aktuelle Seite: St. Pölten Ehemalige Synagoge
NÖS-231
Stadt St. Pölten

Theodor Schreier

Bauleiter Viktor Postelberg

1912-1913

Nach der Revolution im Jahr 1848 wurden die Niederlassungsregeln für Juden gelockert und die Zuwanderung von Juden aus benachbarten Ländern führte im Jahr 1863 zur Gründung der Israelitische Kultusgemeinde St. Pölten. Nachdem zunächst verschiedene Räumlichkeiten als Bethäuser genutzt worden waren, wurde schrittweise ein altes Gebäude, das von der damaligen Waffenfabrik L. Gassner 1885 der Kultusgemeinde überlassen worden war, als Synagoge adaptiert. In einem niedrigeren Vorbau wurde das Kantorhaus eingerichtet.

Da die Umbauarbeiten sehr aufwändig waren und der Tempel zudem für die wachsende Gemeinde zu klein wurde, bemühte sich die Kultusgemeinde bereits 1888 von der Stadtgemeinde die Bewilligung für einen Neubau zu erhalten, die jedoch erst 1903 erteilt wurde, nachdem neue Straßenregulierungspläne den Abriss des bestehenden Gebäudes notwendig machten. Nach langen Vorbereitungen wurde 1907 ein Tempelbauverein gegründet und 1911 ein geladener Wettbewerb für den Synagogenneubau ausgeschrieben, den der Architekt Theodor Schreier für sich entscheiden konnte.

Im 19. Jahrhundert entstanden in den Ländern der Monarchie zahlreiche Synagogen, deren architektonische Gestaltung im Wesentlichen zwischen zwei Stilrichtungen variierte, wobei die jeweilige Wahl vom kulturellen Selbstverständnis der einzelnen Gemeinden bestimmt war. Generell wurde der jüdischen Bevölkerung zunehmend eine orientalische Herkunft zugeschrieben. Vor allem in den östlichen Ländern sahen viele darin die Möglichkeit, sich mit entsprechenden architektonischen Formulierungen – dem sogenannten maurischen Stil - selbstbewusst mit einem eigenen jüdischen Stil zu präsentieren. In den deutschsprachigen Ländern, in denen stärkere Assimilationsbestrebungen vorherrschten, orientierte man sich hingegen am katholischen Kirchenbau und griff bevorzugt auf mittelalterliche Stilformen zurück, um die Zugehörigkeit zum westlichen Kultur- und Wertekanon zu betonen.

Theodor Schreiers Entwurf entstand allerdings zu einer Zeit, in der sich bereits das Ende der stilistischen Rückgriffe auf Epochen der Vergangenheit abzeichnete und die von Otto Wagner propagierte „Neu-Renaissance“ die historistische Architektenschaft bezüglich der Wahl des „richtigen Stils“ zusätzlich verunsicherte.

Anstatt einen Stil zu wählen, griff Schreier daher auf grundlegende architektonische Formelemente zurück, die er zu einer repräsentativen und monumentalen Gebäudegruppe zusammenfügte. Bei der Präsentation seines Entwurfs erklärte der Architekt, dass der Bau von Synagogen „mancherlei Schwierigkeiten künstlerischer Natur“ biete. Einerseits kann die „gewünschte Monumentalität“ aus finanziellen Gründen nicht durch teure Baumaterialein erzielt werden, andererseits wird „die Anordnung von Bauteilen, wie sie sonst den Sakralstil charakterisieren (Turm und Apsis) durch Tradition und Rituale unmöglich. Es bleibt daher dem Baukünstler nichts anderes übrig, als durch möglichst kräftige Hervorhebung der Architektur […] eine gewisse Feierlichkeit anzustreben“. In diesem Sinn sollten „eine Kuppel, große Fenstergruppen sowie segmentförmige Giebelfelder […] zur Steigerung des architektonischen Ausdrucks beitragen“. (Bautechniker 1912)

Auf einem Grundstück direkt neben der alten Synagoge wurde unter der Bauleitung von Viktor Postelberg im Jahr 1912 mit dem Neubau begonnen. Das Gebäude ist mit der Seitenfassade parallel zur neu angelegten Dr. Karl Renner-Promenade ausgerichtet und verfügte über 220 Sitzplätze für Männer sowie 150 für Frauen. Der Haupttrakt hat einen unregelmäßigen oktogonalen Grundriss und gliedert sich in ein niedriges Erdgeschoss und ein hohes Obergeschoss. Darüber umfassen vier  Segmentbogengiebel die auf einem Tambour ruhende, achtteilige Kuppel. Im Segmentbogengiebel an der Eingangsseite befindet sich die Darstellung der Gesetzestafeln. Darunter steht in hebräischer Schrift der Text von Psalm 118, Vers 19: „Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit, ich will eintreten und Gott danken.“ Zwei weit auskragende halbrunde Stiegenhäuser führten zur Frauengalerie. Der straßenseitige Eingang ist als kleiner, giebelüberdachter Vorbau ausgebildet. Das Schul- und Kantorhaus in der Lederergasse 12 ist durch einen niederen Anbau mit dem Hauptraum verbunden.   

Große, ursprünglich bunte Fenster verleihen dem Innenraum eine feierliche Atmosphäre und beleuchten die nahezu flächendeckenden Schablonenmalereien, deren Ornamente  aus  Dekorelementen  unterschiedlicher Kulturen und Epochen gestaltet wurden. Gegenüber dem Eingang befand sich der Thoraschrein in einer Rundbogennische auf einem durch vier Stufen erhöhten Podest. Seine besondere Bedeutung wurde durch eine klassizierende Umrahmung mit einem mehrfach geknickten Rundgiebel hervorgehoben.

Obwohl der damalige Rabbiner strikt auf die Einstellung der Arbeiten an Sabbaten und den jüdischen Feiertagen beharrte, fand die feierliche Einweihung der Synagoge bereits nach knapp 12 Monaten Bauzeit anlässlich des 63. Geburtstags von Kaiser Franz Josef am 17. August 1913 statt.

Beim Novemberprogrom 1938 wurde die Innenausstattung komplett zerstört, das gelegte Feuer konnte zum Glück gelöscht werden und der erhalten gebliebene Innenraum wurde in der Folge von der SA als Lagerhalle genutzt. 1942 ging das Gebäude in den Besitz der Stadt St. Pölten über, die es als Auffanglager für russische Zwangsarbeiter verwendete.

Bei den letzten Kämpfen und Bombenangriffen 1945 wurde die Synagoge vor allem im Kuppelbereich schwer beschädigt. Die Rote Armee benutzte sodann das Gebäude als Getreidespeicher, bis es 1947 an die Stadt St. Pölten zurückgegeben wurde. 1952 erfolgte die Restitution der Synagoge an die IKG Wien – in St. Pölten gab es keine jüdische Gemeinde mehr. Nachdem vergeblich versucht worden war, das desolate Gebäude der Stadt St. Pölten zu verkaufen, wollte die IKG den Abbruch veranlassen, der jedoch vom Bundesdenkmalamt durch die Unterschutzstellung verhindert wurde. 1984-1988 wurden die Synagoge und die ehemalige Schule umfassend renoviert und der Großteil der zerstörten Innenraumgestaltung und -ausstattung rekonstruiert. Die Wandmalereien wurden mit den im Dachboden der Kuppel gefundenen Schablonen in 111 Arbeitsschritten in 31 verschiedenen Mustern angebracht.

Seit 1988 befindet sich im ehemaligen Schul- und Kantorhaus das Institut für jüdische Geschichte Österreichs. Nach einer neuerlichen Renovierung und Adaptierung in den Jahren 2022-2024 ist die ehemalige Synagoge zu einem modernen Zentrum für Ausstellungen, Kulturveranstaltungen und Geschichtsvermittlung umgewandelt worden.

1943 wurde der Architekt Theodor Schreier im Alter von 70 Jahren in Theresienfeld ermordet. Sein Kompagnon und Bauleiter Viktor Postelberg war bereits 1920 nach langer Krankheit verstorben.

Historismus