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Aktuelle Seite: Langschwarza-Hl. Ägidius
NÖS-316
Bez. Gmünd

Anton Jäckel

1862-1864

Der kleine Ort Langschwarza gehörte seit dem Mittelalter zur Herrschaft Schrems. In dieser Zeit wurde auch eine Kirche für rund 200 Personen errichtet. 1638 soll sie durch einen Brand schwer beschädigt worden sein, wieder hergestellt wurde sie 1748 zur Pfarrkirche erhoben.

1862 wurde der Architekt Anton Jäckel beauftragt, anstelle der alten Kirche einen großzügig bemessenen Neubau zu errichten. Jäckel entwarf einen einschiffigen Langhausbau mit einem mächtigen Rundchor und einem breiten Querschiff. Neben der Eingangsfassade ist ein rechteckiger Turm angefügt. An der linken Seite des Chors befindet sich der Anbau einer Sakristei mit einer rechteckigen Apsis.

Für die stilistische Gestaltung wählte der Architekt den neoromanischen Stil, der Elemente der mittelalterlichen Romanik aufgreift und den zeitgemäßen funktionale und ästhetische Anforderungen anpasst. (mehr hier) Über dem rundbogigen Trichterportal der Hauptfassade befindet sich ein Rosettenfenster, der spitz zulaufende Giebel ist von einem reich gestalteten Rundbogenfries eingefasst. Abgetreppte Lisenenvorlagen gliedern und rahmen die Fassade. Der Turm verjüngt sich über drei Geschosse, seine Kanten werden durch Lisenen betont, und Rundbogen- sowie Zahnschnittfriese zieren die Wandflächen.

Das Langhaus und das Querhaus erhielten Maßwerkfenster und Vierpassokuli mit figuralen Glasmalereien. Ein umlaufendes Rundbogenfries sowie gestufte Lisenen strukturieren den Baukörper. Der Chor erhielt mit einer Zwerggalerie entlang der Dachtraufe ein weiteres charakteristisches Element romanischer Kirchenbauten.

Die vielfache architektonische Gliederung und der Kontrast der gelb gestrichenen Dekorelemente und Lisenen zu den weißen Mauerflächen verleihen dem auf einen sanften Hügel errichteten imposanten Kirchenbau ein malerisches Erscheinungsbild.

Der Innenraum ist wie der Außenbau durch charakteristische romanische Formelemente geprägt. Die Tonnengewölbe ruhen auf Bündelpfeilern, die Wände sind durch rundbogige Blendarkaden gegliedert und die Empore wird von Sandsteinsäulen mit Würfelkapitellen gestützt.

Bemerkenswert sind die beinahe flächendeckenden Schablonenmalereien, die generell im historistischen Kirchenbau eine bedeutende Rolle spielten. Sie wurde erst 1898 von den Budweiser Maler Johann Rehoř ausgeführt. Laut Pfarrchronik soll er von der Bevölkerung Milch und rund 1000 Eiern verlangt und diese mit den Farben vermischt haben, "um den richtigen Farbton zu erreichen".

In der Romanik wurde der kostbaren und kunstvolle Ausgestaltung der Apsis große Bedeutung zugemessen und so wie Jäckel orientierte sich auch Rehoř an romanischen Vorbildern. Als zentrales Motiv stellte er ein großes Kreuz dar, vor dem das Lamm Gottes auf dem Buch mit den sieben Siegeln ruht. Ein goldener Rahmen in der Art einer Mandorla, goldenes Rankenwerk auf blauem Grund sowie mit Gold durchwirkte Musterbänder umfassen das Bild. Darunter verlaufen weitere Musterbänder sowie Reihen mit Architektur- und Pflanzenmotiven. Der gesamte Apsisbogen wird von einem Band mit feinen Pflanzenranken und Spruchbändern umrahmt. Die filigrane und kostspielige Ausführung der Malerei verleiht der Apsis eine besonders feierliche Wirkung, wodurch die Bedeutung des Chors als Ort der liturgischen Handlungen betont wird.

Anton Jäckel folgte bei der Planung der St. Ägidiuskirche den Forderungen der zeitgenössischen Architekturtheoretiker und realisierte einen bemerkenswert „stilreinen“ Kirchenbau. D.h, er gestaltete den Außenbau, den Innenraum sowie die Innenausstattung durchgehend im romanischen Formenvokabular und schuf im Gleichklang mit dem Maler Johann Rehoř ein beeindruckendes historistisches Gesamtkunstwerk der Neoromanik.

Über den Architekten Anton Jäckel sowie den Maler Johann Rehoř liegen keine Informationen vor und möglicherweise deshalb blieb in der Historismusforschung die Kirche in Langschwarza weitgehend unbeachtet.

Seit dem Jahr 2021 wird die durch Feuchtigkeit und Schmutz zum Teil bereits stark beschädigte Schablonenmalerei umfassend restauriert.

Historismus