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Aktuelle Seite: St. Pölten-Viehofen-Zur unbefleckten Empfängnis
NÖS-237
St. Pölten-Viehofen

 

Johann Zeilinger

1898

 

Zubau

Richard Zeitlhuber / Wolgang Zehetner

1996-1997

Im Jahr 1898 wurde anlässlich des 50-jährigen Thronjubiläums Kaiser Franz Josephs von Stadtbaumeister Johann Zeilinger eine rund 100m² große Kirche im neogotischen Stil erbaut. Nach der Eingemeindung des kleinen Ortes Viehofen in die Stadt St. Pölten 1923 wuchs kontinuierlich die Einwohnerzahl und 1995 wurde daher ein Erweiterungsbau zur Kirche beschlossen, der die Kapazität um das Dreifache erhöhen sollte.

Die Architekten Richard Zeitlhuber und der damaliger Wiener Dombaumeister Wolfgang Zehetner planten an der Längswand der bestehenden Kirche einen ellipsenförmigen Zubau, mit dem sie jedoch nicht die Traufhöhe der bestehenden Kirche überschritten – scheinbar bewusst dem Altbau mit dem hohen Kirchturm im äußerlichen Erscheinungsbild die Vorrangstellung überlassend. Sie fügten einen bootförmigen Zubau um 30 Grad verschwenkt dem Langhaus an, und unterstrichen im Innenraum die Schiff-Metapher durch eine offene schiffsrippenartige Dachkonstruktion aus unbehandeltem Holz. Ein rundumlaufendes Oberlichtband lässt das Dach gleichsam über dem Kirchenraum schweben und in die Vertikale übergehend markiert es als Glasband den Übergang zwischen Alt- und Neubau. Kleine quadratische Fensteröffnungen in der geschwungenen Außenwand erzielen eine spezielle Lichtwirkung und Raumatmosphäre.

Die Verbindung zwischen Alt- und Neubau wurde durch hohe Spitzbogen hergestellt, die aus der Längswand der bestehenden Kirche ausgebrochen wurden. Bei Kirchenvergrößerungen war es üblich, den Altbestand als Seiten- oder Werktagskapellen einzurichten. Das Raumkonzept der Architekten Zeitlhuber/Zehetner sah hingegen eine Verbindung von Alt- und Neubestand zu einem großen Gemeinschaftsraum vor: Das niedere Altarpodest im Neubau wurde in den Altbau weitergeführt, der Tabernakel an der Schnittstelle zwischen Alt und Neu aufgestellt und die einheitlich weiß gefärbelten Räume wurden mittels durchgehender Bankreihen verbunden.

Die Wände des Hauptraumes blieben bis auf das Kreuz an der Altarwand ohne jegliche Ausschmückung - der Kreuzweg, ein am Dachboden aufgefundenen Kreuz sowie die Madonnenstatue vom früheren Hochaltar befinden sich im alten Bereich. Umso mehr fällt die kostbare Ausführung der liturgischen Ausstattung im Zubau auf: der Tabernakel ruht als galvanisch vergoldeter Zylinder auf einer Säule aus schwarzgrünem, glänzendem Edelserpentin und die Füße des Altartisches sowie der Ambo sind aus dem gleichen, auffallenden Material hergestellt. In Verbindung mit der äußerst schlichten und kargen Gestaltung entstand ein Raum von hoher ästhetischer Qualität, der durch die spezielle Belichtung und Verwendung von Holz eine kontemplative und metaphysische Wirkung entfaltet.

Auf der Suche nach neuen Gestaltungsansätzen im Kirchenbau zeigten die Architekten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine ausgeprägte Experimentierfreude, indem sie unterschiedliche geometrische Grundformen aufgriffen. Die Grundrisse der Neubauten orientierten sich zunächst vor allem am Quadrat. In späteren Entwürfen traten der Kreis in Form eines Viertelsegments, das Dreieck sowie das Oktogon hinzu. (mehr hier) Die Ellipse als Grundform wurde erstmals von Heinz Tesar bei der evang. Kirche in Klosterneuburg (1994) verwendet. Zwei Jahre später entstand der interessante Zubau zur Kirche in Viehofen. Wolfgang Pfoser setzte mit dem mächtigen ellipsenförmigen Zylinder seiner zwischen 1990 und 2000 errichteten Milleniumskirche in St. Pölten einen markanten Schlusspunkt im niederösterreichischen Kirchenbau des 20. Jahrhunderts.

 

Historismus
20. Jhd.