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Aktuelle Seite: 10., Keplerplatz-Hl. Johannes Ev.
WS-10.6
10. Bezirk - Favoriten

Hermann Bergmann

1872-1876

Der Ort Favoriten lag außerhalb des Linienwalls und bestand ursprünglich nur aus ein paar Bauernhäusern. 1850 wurde er als Teil des Bezirks Wieden in die Stadt Wien eingemeindet und 1874 wurde der bereits dicht bebaute Bezirksteil Favoriten zum Namensgeber des neu geschaffenen 10. Bezirks, der zu dieser Zeit überwiegend aus Grünland sowie Fabrikanlagen bestand.

Die Neustrukturierung der Vorstädte als Bezirke der Stadt Wien brachte auch die Gründung neuer Pfarrsprengel mit sich, die zwangsläufig auch die Errichtung neuer Pfarrkirchen notwendig machte.

Kirchenneubauten wurden damals vor allem aus den Mitteln des staatlichen Religionsfonds finanziert, der unter Joseph II. anlässlich des Verkaufs der aufgehobenen Klöster 1782 ins Leben gerufen wurde. Gemeinsam mit der Erzdiözese Wien wurde für die Errichtung neuer Kirchen je nach Dringlichkeit eine Reihenfolge festgelegt.

In Favoriten ließ der Ausbau der Ziegelwerke am Wienerberg sowie die Gründung zahlreicher Fabriken die Einwohnerzahl stark ansteigen, sodass schon 1857 Kardinal Rauscher mit der dringenden Bitte an Kaiser Franz Josef herangetreten war, aus dem Religionsfonds Geldmittel für einen Kirchenbau bereitzustellen. Um die Dringlichkeit zu unterstreichen, bot er selbst einen finanziellen Beitrag an. Da jedoch andere Kirchenbauten dringender erschienen, erfolgte erst 1872 die lang ersehnte Bewilligung.

Hermann Bergmann, ein Architekt des Wiener Hochbauamtes wurde beauftragt, Pläne für einen kostengünstigen, aber dennoch monumentalen Kirchenbau für rund 3000 Personen im „italienischen Basilikastil“ zu erstellen. Das Hochbauamt war einerseits für seine in architektonischer Hinsicht konservative Einstellung und andererseits für seine rigide Forderung nach Sparsamkeit bekannt. Entsprechend dieser Prinzipien hatte der beamtete Architekt Hermann Bergmann keine Bedenken, sein Projekt im inzwischen überholten, sogenannten Rundbogenstil zu entwerfen, der eine freie Kombination von Elementen der Romanik und der italienischen Renaissance zuließ und eine kostengünstige Ausführung ermöglichte. (mehr hier)

Bergmann orientierte sich in seinem Entwurf an den Kirchenbauten seines ehemaligen Lehrers Carl Roesner, der vor allem in der italienischen Renaissance seine Anregungen gefunden hatte. (vgl. etwa die Johann Nepomukkirche, Wien2.,) Er legte drei Varianten vor, von denen schließlich ein Entwurf mit einem Turm und einem Fassungsraum von rund 2500 Personen die Zustimmung des Kaisers fand. Wenige Monate nach der Grundsteinlegung erfolgte allerdings auf Verlangen der Baukommission die Umplanung auf einen Kirchenbau mit zwei Türmen.

Bergmann entwarf eine traditionelle dreischiffige Basilika, deren Hauptfassade deutlich die innere Gliederung des Langhauses widerspiegelt. Das breite Mittelschiff ist durch den zweigeschossigen, übergiebelten Mittelteil gekennzeichnet. Er ist durch Pilaster und Dekorbänder und -felder hervorgehoben Ein Rundbogenportal mit Ädikularahmung sowie darüber angeordnete Heiligenfiguren in Rundbogennischen betonen die Mittelachse. Die obligatorische Kirchenuhr integrierte der Architekt pragmatisch als dekoratives Element in Form eines romanischen Radfensters. Einfache Pultdächer führen zu den Fassaden der niedereren Seitenschiffe über, die schlichtere Rundbogenportale sowie darüber liegende Rundfenster erhielten. Die heute glatt verputzten Außenfassaden wurde ursprünglich durch eine Bänderung aus Sichtziegel und Putzstreifen akzentuiert und stellten damit einen deutlichen Bezug zur italienischen Renaissance her.

Im Gegensatz zur flächig gestalteten Fassade erhielt die Chorseite eine markante plastische Gliederung. Die mächtige, im Obergeschoss durchfensterte Chorapside wird von zwei kleineren, zweistöckigen Anräumen mit Apsiden flankiert, an die die zwei 50 Meter hohen, quadratischen Türme anschließen. Während Apsiden traditionell der Aufstellung eines Altars dienen, übernehmen sie hier die Funktion, die Chorseite malerisch aufzulockern und gleichzeitig die Bedeutung dieses Kirchenneubaus zu betonen. Der rechte Anraum fungiert als Sakristei, der linke nimmt die Heizanlage auf, und in den Obergeschossen befinden sich Paramentenkammern.

Im Kircheninneren trennen profilierte Pfeilerarkaden die kreuzgratgewölbten Seitenschiffe vom Mittelschiff mit seiner kassettierten Flachdecke. Aus Kostengründen wurden die Fenster nur mit einfachem Fensterglas hergestellt, aus demselben Grund wurde auf Wandmalereien verzichtet. Der aufwendig gestaltete Hochaltar, das Deckengemälde in der Apsis, vergoldete Kapitelle und Profilleisten sowie zahlreiche Heiligenfiguren verleihen jedoch dem Raum eine feierliche und kostbare Wirkung, die durch die Aufstellung von ursprünglich sechs Seitenaltären wohl zusätzlich verstärkt wurde.

Die Kirche wurde 1945 schwer beschädigt, aber 1956/57 weitgehend wieder hergestellt. Hans Alexander Brunner ersetzte das zerstörte Apsisgemälde durch das Fresko Das Buch mitsieben Siegeln. August Bodenstein schuf einen Ersatz für die zerstörte Barbarastatue aus einem Steinblock, der vom 1945 zerbombten Philipphof bei der Albertina stammte.

Die Keplerkirche war die erste und bis 1901 einzige Pfarrkirche des Bezirks Favoriten. Nachdem die Einwohnerzahl von rund 22.000 im Jahr 1869 auf 133.000 im Jahr 1900 gestiegen war, wurde als zweite Pfarrkirche 1896-1901 die St. Antonskirche am Antonsplatz errichtet. Erst ab den 1930er Jahren erfolgte in Favoriten die Errichtung weiterer Pfarrkirchen und einer Reihe von Klosterkirchen.

Historismus