2344 Maria Enzersdorf
Gabrielerstraße 171
1892-1914
Exerzitienhaus
1961-1963

Der Orden der „Steyler Missionare“ wurde 1875 im niederländischen Steyl gegründet. Das Hauptanliegen dieser neuen Ordensgemeinschaft war, weltweit christliche Gemeinden unter Berücksichtigung der jeweiligen Kulturen und Traditionen aufzubauen. 1889 wurde in Maria Enzersdorf eine Niederlassung errichtet, die als zentrale Ausbildungsstätte der Missionare diente und als Theologische Hochschule im Bereich Völkerkunde und Missionswissenschaft Bedeutung erlangen sollte.
Für die weitläufige, ummauerte Anlage erstellte Pater August Theisen einen „Idealplan“, der neben einer Kirche und den Klosterbauten auch eine Reihe von Werkstätten, Wirtschaftsgebäuden, Landwirtschaftsflächen, einen Friedhof sowie einen kleinen Landschaftsgarten vorsah. Das gesamte Kloster war wahrscheinlich als symmetrische Anlage mit drei Innenhöfen geplant. Dem dritten Hof fehlt allerdings der seitliche Abschluss und damit das Pedant zu dem Trakt, der mit zwei Ecktürmen mit Balustradenabschluss besonders ausgezeichnet wurde. Die 3 bis 5-stöckigen Klostergebäude erhielten verschiedene Fensterformen und sparsames Dekor aus Ziegelfriesbändern. Sämtliche Gebäude wurden im neoromanischen Stil aus unverputztem Ziegelmaterial errichtet, das zum Großteil in der eigenen Ziegelei hergestellt wurde – die ehemalige Lehmgrube ist heute ein Teich im Park.
Von zentraler Bedeutung war natürlich die Kirche, die in zwei Etappen von 1892-1914 errichtet wurde. Pater Theissen entwarf einen repräsentativen späthistoristische Kirchenbau als neoromanische Basilika mit einer Zweiturmfassade, einem Langhaus mit einem ausladenden Querhaus sowie einem Umgangschor mit einem Kapellenkranz. Unter dem Chorbereich wurde eine große Krypta angelegt. Die professionelle Bauleitung übernahmen in der ersten Bauphase Johann Marz und in der zweiten der Maria Enzersdorfer Architekt Sepp Hubatsch.
Für die künstlerische Ausgestaltung wurde eine eigene Mosaikwerkstatt gegründet, die Mosaikbilder für die Innen- und Außendekoration herstellte. Bemerkenswert ist insbesondere der große Mosaikfußboden im Chorbereich. Die Buntglasenster wurden zum Teil von der hauseigenen Glasmalerei-Werkstätte gefertigt. Die Marmorsäulen im Chorbereich stammen vom ehemaligen, 1881 abgebrannten Ringtheater in Wien.
Das Ordenshaus erfreute sich schnell eines regen Zulaufs, der durch den Ersten Weltkrieg nur kurz eine Beeinträchtigung erfuhr. In der Zwischenkriegszeit wurden eine Druckerei und Buchbinderei sowie der weltweit bekannt gewordene Knabenchor „Sängerknaben vom Wienerwald“ gegründet.
Nach Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche 1954-57 renoviert. Um die zerstörten Mosaike zu erneuern, wurde die 1914 geschlossene Mosaikwerkstatt wieder eingerichtet. Das 60 m² große Mosaikbild in der Apsis sowie die zerstörten Fenster im Langhaus wurde nach den Entwürfen von Ernst Bauernfeind neu hergestellt.
1961-63 errichtete Herbert Witte ein neues modernes Exerzitienhaus in Skelettbauweise, das er mit der Sichtziegelausfächerung den bestehenden Gebäuden anpasste. Eine Hauskapelle ist am Außenbau durch hohe Glasmalerei-Fenster gekennzeichnet. Das Haus wurde 2013 geschlossen und an verschiedene Institutionen vermietet. Die von Maria Biljan-Bilger entworfenen Fensterscheiben befinden sich heute im Untergeschoss der Buchhandlung, die 1969 in einem neu erbautem Straßentrakt eingerichtet wurde.
1967 erfolgte von dem Architekten Hans Petermair die Umgestaltung der Krypta. 1979 wurde unter der Leitung von Architekt Heimo Widtmann eine umfassende Innenrenovierung der Kirche durchgeführt und der Chorbereich entsprechend den neuen vatikanischen Bestimmungen mit einem Volksaltar in der Mitte der Vierung neu gestaltet.
Im Jahr 1925 lebten rund 600 Brüder, Priester und Studenten in St. Gabriel. Der insbesondere ab den 1980er Jahren schwindende Ordensnachwuchs zwang die Ordensleitung, die Betriebe zur Eigenversorgung, die Druckerei und die Hochschule zu schließen und das ca. 30.000m² Areal durch Verpachtungen neuen Verwendungszwecken zuzuführen. Es wurden zunächst ein Caritas-Wohnheim für Flüchtlinge eingerichtet und eine Montessorischule eröffnet. Im Jahr 2018 wurde von dem neu gegründete „Immobilienfonds St. Gabriel“ im Hauptgebäude das Seminarhotel und Veranstaltungszentrum „Gabrium“ eröffnet. In den Nebentrakten und den kleineren Nebengebäuden haben sich diverse Firmen eingemietet. Bei sämtlichen Gebäuden wurde die Außengestaltung nicht verändert und die Adaptierungen der Innenräume erfolgte mit größtmöglicher Rücksicht auf den Originalzustand.
Der Steyler Orden in Maria Enzersdorf entsendet nicht nur Missionare in alle Welt, sondern er übernahm seit seiner Gründung immer wieder die Betreuung einzelner Pfarren im Umkreis des Missionshauses. Die Herz-Jesu Kirche in Mödling wird seit 1924 von dem Orden betreut und der derzeitige Pfarrer der Südstadtkirche in Maria Enzersdorf gehört dem Steyler Missionsorden an.