3710 Ziersdorf
Johann Steinböck-Platz 1
1992-1993

Im Mittelalter gehörte der kleine Ort Ziersdorf zur Pfarre Gettsdorf. Als Otto von Maissau, Oberster Marschall des Herzogtums Österreich, 1415 in Ziersdorf eine kleine, der Hl. Katarina gewidmete Kapelle errichten ließ, wurde der Pfarrer von Gettsdorf laut Pfarrchronik verpflichtet, einen „frommen Priester zu halten“, der jeden Wochentag eine Messe feierte.
Im weiteren Verlauf wurde die Bestimmung auf eine Sonntagsmesse im Monat erweitert und Ende des 17. Jahrhunderts das Langhaus der kleinen Kapelle vergrößert. 1693 wurde vom Ziersdorfer Baumeister Paul Friedrich Wimmer an der Eingangsseite ein Turm errichtet. 1710 erhielt der Chor ein neues Hochaltarbild mit der Darstellung von Maria mit dem Kinde, flankiert von der Hl. Katharina und dem Hl. Wolfgang – wodurch die Kirche ihr ungewöhnliches Doppel-Patrizinium erhielt. 1783 wurde Ziersdorf zur Pfarre erhoben.
Am 4. Juni 1841 brach in Ziersdorf ein Feuer aus und die Pfarrchronik berichtet, dass „in weniger als zwei Stunden 72 Häuser samt der Kirche in Asche lagen“. Wenige Monate später wurde der Maurermeister Joseph Rauscher mit dem Wiederaufbau beauftragt. Dabei wurde das Langhaus um zwei Joche verlängert und der Turm neu errichtet. Der Wiener Tischlermeister Albert Heiwitzer errichtete die Kanzel und der Hochaltar erhielt von Johann Höfel ein neues Altarbild.
Der 1974 erfolgte Zusammenschluss mit fünf umliegenden Pfarren zum Pfarrverband Ziersdorf, sowie die unvorteilhafte Form der Kirche – die Kirche war 24 Meter lang und nur 6,5 Meter breit - ließ den Wunsch nach einem größeren Kirchenraum entstehen. Da jedoch die Bebauung des Ortes über die Jahrzehnte bis unmittelbar an die Kirche herangewachsen war, ergab sich die Möglichkeit eines Zubaus erst nachdem das Nachbargrundstück angekauft werden konnte. 1992 wurde der Wiener Architekt Sepp Müller mit der Planung der Kirchenerweiterung beauftragt.
Die Lage und Größe des Grundstücks bedingte, dass nur an einer Seite des Langhauses ein Zubau erfolgen konnte. Der Architekt verlegte den Kircheneingang in die Mitte der rechten Langhauswand und gestaltete den davorliegenden damaligen Hauptplatz des Ortes zum Kirchenvorplatz um. Um, wie Sepp Müller betont, „die räumliche Verbindung von Alt und Neu klar zu signalisieren“ durchbrach er die linke Langhauswand durch drei hohe Rundbögen, wobei der mittlere Bogen von vier „maßvollen stählernen Säulen“ getragen wird. Schwarz gestrichen markieren sie deutlich den Zugang zu dem modernen, querrechteckigen Anbau, der als dreischiffiger basilikaler Hauptraum konstruiert ist. Durch das Weglassen von trennenden Stützen entstand – den Forderungen des Zweiten Vatikanischen Konzils entsprechend (mehr hier) - ein Gemeinschaftsraum, der die Aufstellung der Kirchenbänke rund um den Altar erlaubte.
Im Kirchenbau setzte sich ab den 1970er Jahren der Trend durch, die Innenraumgestaltungen weitgehend auf Kreuzwegdarstellungen zu reduzieren und den Altar als spirituellen Mittelpunkt optisch hervorzuheben. Die Architekten waren sich der dadurch entstehenden kühlen, puristischen Atmosphäre bewusst und versuchten häufig, durch fantasievoll gestaltete Deckenkonstruktionen aus naturbelassenem Holz eine wohnliche Stimmung zu erzeugen. Sepp Müller vertrat in seinem Raumkonzept hingegen eine eher traditionelle Haltung, indem er die Gläubigen mit dem kühlen schwarzen Anstrich der hölzernen Deckenkonstruktion auf das Erleben feierlicher Erhabenheit einstimmte.
Hinter der gerade abgeschlossenen Rückwand befinden sich die Sakristei sowie der Abgang in das Untergeschoß mit Räumen für pfarrliche Aktivitäten. Der Altarbereich ist als flache Nische ausgebildet und durch die Lichtwirkung seitlicher Fensterbänder und der Oberlichtfenster im anschließenden Hauptraum mystisch hervorgehoben. Das frühgotische Kruzifix ist eine Dauerleihgabe der Erzdiözese Wien.
Die Erweiterung einer Kirche fordert den Architekten stets dazu heraus, zeitgemäße Gestaltungsideen sensibel mit dem vertrauten und geschätzten Bestand zu einer ästhetisch stimmigen Einheit zu verbinden. In diesem Sinne verlieh Sepp Müller dem Langhaus der alten Kirche eine neue Funktion als Vorraum des Neubaus und richtete den gotischen Chor mit dem neugotischen Altar als Werktagskapelle ein. Der ursprüngliche Eingangsbereich diente zunächst als Paramentenkammer, bis dort im Jahr 2010 die neu erworbene Orgel ihren Platz fand.