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Aktuelle Seite: St. Pölten-Alter-Neuer jüdischer Friedhof-Zeremonienhalle
NÖF-42
Stadt St. Pölten

Rudolf Wondracek

1905

Mitte des 19. Jahrhunderts begann der Zuzug der ersten Juden nach St. Pölten und 1859 wurde südlich der Stadt am heutigen Pernersdorfer Platz der erste jüdische Friedhof angelegt und eine Zeremonienhalle errichtet. 1904 veranlasste die Stadtgemeinde aus nicht näher bekannten Gründen die Schließung des Friedhofs und stellte der Kultusgemeinde ein Grundstück direkt neben dem 1906 eröffneten Städtischen Friedhof in der Karlstettner Straße als Begräbnisstätte zur Verfügung.

Der alte Friedhof blieb entsprechend dem jüdischen Religionsgesetz bestehen. In der Zeit der nationalsozialistischen Stadtverwaltung wurde der Friedhof arisiert, die Grabsteine wurden entfernt und die Fläche eingeebnet. Da nach dem Zweiten Weltkrieg fast keine der Vertriebenen nach St. Pölten zurückgekehrt waren, erfolgte 1953 die Restitution an die Israelitische Kultusgemeinde Wien. Das Areal blieb über Jahrzehnte unverändert, 1968 wurde ein Gedenkstein errichtet. In den Jahren 2022 bis 2024 erfolgte von der Künstlerin Anna Artaker eine Neugestaltung. Anstelle des rund achtzig Meter langen Gitterzauns, der das Gelände umgab, installierte sie 116 Glastafeln. Diese tragen in weißer Schrift die Namen sowie Angaben zu Beruf, Familienstand, Todesdatum, Alter, Sterbeort und Begräbnisdatum der insgesamt 583 dort bestatteten Personen.

Im Gegensatz zur Synagoge in St. Pölten, deren Errichtung jahrelange Vorbereitungen erforderte, legte die Kultusgemeinde auf dem neu zugewiesenen Grundstück umgehend den neuen Friedhof an und beauftragte bereits 1905 den in St. Pölten weithin bekannten und viel beschäftigten Architekten Rudolf Wondracek mit dem Bau der Zeremonienhalle.

Wondracek entwarf ein Gebäude mit einer repräsentativen Fassade, die von Rundfenstern geprägt ist. Drei kleine Rundfenster zeigen Davidsterne aus farbigem Glas. Ein großes Rundfenster wird von einer hebräischen sowie einer deutschen Inschrift gerahmt. Die hebräische lautet: Die Geborenen zum Tod und die Toten zum Leben, ergänzt durch die deutsche Fassung: Die geboren wurden, derer harrt der Tod, und die da sterben, sie erwarten das Leben. Das Eingangstor ist durch zwei schlanke Säulchen neben dem Eingang hervorgehoben, die als dekorative Elemente in Nischen eingestellt sind.

Während des Nationalsozialismus wurden viele Gräber zerstört und viele Grabsteine umgeworfen. 1951 ließ die Stadt St. Pölten die noch vorhandenen Grabsteine wieder aufstellen und 1954 wurde der Friedhof an die IKG Wien als Rechtsnachfolgerin der IKG St. Pölten restituiert. Da nach dem Krieg nur wenige Juden nach St. Pölten zurückkehrten, verfiel der Friedhof zunehmend, und auch die Zeremonienhalle wurde im Laufe der Jahrzehnte baufällig. Im Jahr 2022 konnten schließlich mithilfe von Mitteln des Fonds zur Instandsetzung jüdischer Friedhöfe sowie des Landes Niederösterreich der Friedhof saniert und die Zeremonienhalle renoviert werden.