3860 Heidenreichstein
Waidhofener Straße 12
(nicht gesichert)
1908

Im 19. Jahrhundert kam es im nördlichen Waldviertel zu einer Reihe von Fabrikgründungen, die zahlreiche Arbeitskräfte anzogen, die zum Teil dem protestantischen Glauben angehörten. Diese Zuwanderer waren zunächst der evangelischen Pfarrgemeinde in Znaim/Znojmo eingegliedert. 1887 gründete die Znaimer Pfarre in Heidenreichstein eine eigene Predigtstation. Wilhelm Borchers wurde als Vikar eingesetzt und zusätzlich wurden ihm die Bezirkshauptmannschaften Gmünd und Waidhofen a.d. Thaya zugewiesen. Wie es in der Festschrift zum 60ig jährigen Jubiläum heißt, bevorzugte Borcher allerdings Gmünd als Wohnort - „die Gmünder Gemeindemitglieder boten dem Vikar offensichtlich mehr“ – und nachdem er auch seine seelsorgliche Tätigkeit zunehmen in diesen Ort verlegte, entbrannte zwischen den beiden Gemeinden ein jahrzehntelanger Streit um den Vikarsitz und später um den Pfarramtsitz.
Da in Heidenreichstein vorerst nur in einem gemieteten Fabriksaal Gottesdienste abgehalten werden konnten, wurde 1904 ein Kirchenbaufonds eingerichtet und anlässlich des 60jährigen Regierungsjubiläums Kaiser Franz Josephs wurde 1908 mit Hilfe des Deutschen Gustav Adolf Vereins und unter der Patronanz von Prinz Friedrich von Schönburg die Kaiser-Jubiläums-Kirche errichtet.
Die Kirche besteht aus einem rechteckigen Saalraum, an den im rechten Winkel ein Pfarrhaus anschließt. Ein quadratischer Turm verbindet den sakralen Baukörper mit dem profanen Trakt.
Die Längsseite der Kirche wird durch Strebepfeiler und dazwischen angeordneten hohen, gekuppelten Trapezfenstern akzentuiert. Die vorgezogenen Dächer werden von kräftigen hölzernen Strebekonsolen getragen, die an den Wänden die pittoreske Wirkung alter Fachwerkbauten entfalten. Der risalitartig eingefügte Turm erhielt ein laternenbekröntes Pyramidendach, das ebenfalls auf malerisch-ornamentalen Strebekonsolen ruht. Die Eingangstüren mit den markanten vergoldeten Beschlägen zeigen secessionistische Einflüsse.
Insgesamt entstand ein malerisches Ensemble, das an die Villenarchitektur des 19. Jahrhunderts erinnert und sich durch das Aufgreifen von Heimatstilelementen in den kleinen, damals rund 4000 Einwohner zählenden Ort einfügte.
Es ist anzunehmen, dass die Pläne der Kirche von dem böhmischen Architekten Matěj Blecha stammen. Blecha absolvierte in Wien ein Architekturstudium bei den bekannten Ringstraßenarchitekten Heinrich Ferstel und Carl Hasenauer und war anschließend in Böhmen als erfolgreicher Bauunternehmer und Architekt tätig.
1906 errichtete er in Neuhaus/Jindřichův Hradec eine evangelische Kirche die – spiegelverkehrt angeordnet – nahezu ident mit der Kirche in Heidenreichstein ist. Der Turm in Heidenreichstein ist lediglich etwas höher, die Turmfassade etwas anders ausgeschmückt, die Türflügel des Eingangs sind einfacher ausgeführt und die Strebepfeiler nicht verputzt. Das Pfarrhaus ist zwar etwas schmäler, weist jedoch denselben Grundriss auf.
Da in der Zeit der Gegenreformation nahezu sämtliche Protestanten vertrieben oder zur Konversion gezwungen worden waren, lebten nach dem Erlass des Toleranzpatents von 1781 in der Monarchie nur mehr wenige Evangelische. Erst allmählich entstanden wieder Predigtstellen, die untereinander in regem Austausch standen. Es ist daher durchaus möglich, dass die 1904 in Neuhaus/Jindřichův Hradec gegründete Predigtstelle den Architekten an die evangelische Gemeinde in Heidenreichstein vermittelte, der die bewährten Pläne wieder verwendete.
Nach der Trennung von der Pfarre Znaim wurde Heidenreichstein 1925 zur selbstständigen Pfarre erhoben, 1936 erfolgte – nicht konfliktfrei - die Verlegung des Pfarrsitzes nach Gmünd, und Heidenreichstein erhielt wieder die Funktion einer Predigtstation.
Der Zweite Weltkrieg ließ den langjährigen Streit in den Hintergrund treten und als Zeichen seiner endgültigen Beilegung wurde die Kirche nach einer umfassenden Innen- und Außenrenovierung im Jahr 1968 in Versöhnungskirche umbenannt.
1910-1911 wurde in Gmünd die evangelische Friedenskirche errichtet, in Waidhofen a.d. Thaya erfolgte erst 2003 der Bau einer evangelischen Kirche. Die schwindende Zahl an Kirchenbesuchern zwang bedauerlicherweise die evangelische Gemeinde im September 2025, die Kirche in Heidenreichstein, die größere Renovierungsmaßnahmen erfordert hätte, zu verkaufen.