3100 St. Pölten
Spratzern, Eisenbahnstraße 2
1931-1932

Nachdem St. Pölten das Recht als Statuarstadt verliehen worden war, wurde 1922 der kleine Ort Spratzern als Bezirk der Stadt eingemeindet. Für die sprunghaft angestiegene Einwohnerzahl war die bestehende, 1888 errichtete Mariahilfkapelle zu klein und 1931 wurde daher ein Kirchenneubau beschlossen.
Aus einem Wettbewerb mit 12 Teilnehmern gingen die jungen Wiener Architekten Hans Zita und Otto Schottenberger als Sieger hervor. Die Architekten errichteten im Grundriss einen traditionellen aber im Stil der Neuen Sachlichkeit gestalteten Langhausbau mit einem hohem Rechteckturm. Die differenzierte Gestaltung mit gelblichem Grobputz im Sockel- und Portalbereich, weißem Schuppenputz im Hauptgeschoss sowie zentral angeordneten Sichtziegelfeldern verleiht der Kirche eine monumentale Fassadewirkung.
In den 1930er Jahren hatte sich die kostengünstige Verwendung des modernen Baumaterials Eisenbeton bereits generell durchgesetzt und insbesondere die Gestaltung der Innenräume geprägt. Gleichzeitig entstand der Trend zu einer größtmöglichen Vereinfachung der Innenausstattung. Um einer nüchtern-sachlichen Raumwirkung entgegenzuwirken, kombinierten die meisten Architekten den kühlen Werkstoff Beton mit dem warm wirkenden Material Holz. (mehr hier) Auch die Architekten Zita/Schottenberger bedienten sich dieser Gestaltungsstrategie, indem sie die Flächen zwischen den jochteilenden Eisenbetonbindern mit Holzpanelen ausfachten. Insbesondere im Eingangsbereich, wo sich auch die Beichtstühle befinden, bewirkte der Einsatz von Holz eine vertraute Atmosphäre, indem die Assoziationen an den Innenraum eines Holzhauses hervorgerufen werden. Wie am Außenbau erhielt auch der Innenraum einen „ornamental wirkenden Schuppenputz“ (A. Zehetgruber), der wohl Wandmalereien ersetzten sollte. Die Lampen aus Schmiedeeisen bringen einmal mehr Material aus dem Lebensumfeld der Kirchenbesucher in den modernen Kirchenraum.
Die Architekten versuchten jedoch nicht nur, die ungewohnte und nüchterne Gestaltungsweise der Neuen Sachlichkeit durch die Verwendung traditioneller Materialien zu mildern. Sie integrierten zudem Gestaltungselemente, die den Gläubigen von traditionellen Kirchenbauten vertraut waren und deren Formen sich aus den frühmittelalterlichen Sakralbauten entwickelt hatten. Auf diese Weise vermittelten sie dem überwiegend von zugewanderten Arbeitern bewohnten Stadtteil Stattersdorf ein Gefühl von Kontinuität und Tradition.
So erinnern die spitzbogigen Betonbinder an gotische Konstruktionen, und die hohen, dreieckig abschließenden Rechteckfenster mit Heiligendarstellung in bunter Glasmalerei Assoziationen an gotische Spitzbogenfenster hervorriefen. (Die ursprünglichen Fenster wurden 1945 durch einen Bombenangriff auf Spratzern Großteils zerstört.)
Zudem griffen die Architekten mit der Anbringung einer Kanzel im Langhaus ein traditionelles Element des Kirchenbaus auf, obwohl Predigten bereits seit längerer Zeit vom Lesepult im Altarraum aus gehalten wurden. Durch die puristische Umsetzung des überlieferten Vorbilds in Beton schufen sie einen spannungsvollen zeitgenössischen Akzent im Kirchenraum.
Einen außergewöhnlichen Rückgriff auf Elemente des mittelalterlichen Kirchenbaus planten die Architekten bei der Gestaltung des Chors, indem sie einen traditionellen Lettner neu interpretieren, der ursprünglich der Trennung der Priester von den Gläubigen diente. Sie entwarfen einen schlichten Reckeckchor mit einer flachen Holzdecke und unterteilten ihn etwa in halber Tiefe und Höhe durch eine lettnerartige Schranke. Im vorderen Teil sind überlebensgroßen halbplastischen Figuren aus farbig glasierter Terrakotta angebracht und bilden den Hintergrund für den davorstehenden Altar. Dem hinteren, traditionell für die Priester bestimmten Teil, gaben die Architekten als Raum für den Kirchenchor und die Orgel eine neue Funktion. Allerdings bewährte sich diese Anordnung wegen des fehlenden Blickkontaktes zum Priester nicht und 1942 wurde über dem Kircheneingang eine hölzerne Empore eingezogen, auf der die Orgel neu aufgestellt wurde.
Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils machte eine Umgestaltung des Presbyteriums notwendig. Das Kommuniongitter wurde abmontiert und die schmiedeeisernen Türen nach der Idee von Irmgard Lenk zur Gestaltung des neuen, in den Kirchenraum vorgerückten Volksaltar genutzt.
In unmittelbarer Nähe wurde zeitgleich das schlichte einstöckige Pfarrhaus errichtet.