3100 St. Pölten
Heßstraße 20
1891-1892

Im 16. Jahrhundert waren in Niederösterreich rund 90 Prozent der Bevölkerung evangelisch. Im Zuge der Gegenreformation wurden die Menschen entweder zur Konversion oder zur Auswanderung gezwungen. Erst das Toleranzpatent Kaiser Josefs II. im Jahr 1781 ließ allmählich wieder evangelische Gemeinden entstehen, die zunächst Predigtstationen in bestehenden Gebäuden errichteten.
Im Jahr 1785 wurde in Mitterbach am Erlaufsee die dortige Predigtstation zur ersten evangelische Kirche Niederösterreichs umgebaut. Im 19. Jahrhundert entstanden vier weitere Kirchen, der Großteil der Kirchen wurden allerdings im Laufe des 20. Jahrhunderts errichtet.
Zu den ersten, noch vor der Jahrhundertwende fertiggestellten Sakralbauten zählt die Kirche in St. Pölten, mit deren Errichtung 1891 der Architekt Ludwig Schöne beauftragt wurde.
Ludwig Schöne stammte aus Deutschland, gründete jedoch nach seinem Studium in Wien ein eigenes Architekturbüro. In der Folge errichtete er nicht nur in Wien, sondern im gesamten Gebiet der Donaumonarchie – insbesondere in Ungarn – zahlreiche Bauten. Der Schwerpunkt seines Schaffens lag jedoch im Sakralbau. Er gehörte der evangelischen Glaubensgemeinschaft an, entwarf aber auch katholische Kirchenbauten sowie eine große Zahl von Synagogen.
Als typischer Vertreter des Späthistorismus gestaltete er sowohl evangelische als auch katholische Kirchen in einem Mischstil aus Formen der Romanik und Gotik, während er für Synagogen orientalisierende und byzantisierende Gestaltungselemente verwendete.
Schöne plante die Kirche in St. Pölten als schlichten, einschiffigen Längsbau mit einem gerade abgeschlossenen Chor und einer Einturmfassade. Das Spitzbogenportal und das darüberliegende Rosettenfenster, markante abgetreppte Strebepfeiler, Spitzbogenfenster sowie Rundbogen- und Zackenfriese zeigen eine zeitgemäße Kombination romanischer und gotischer Elemente. Der markante Eingangsturm mit dem hohen Spitzhelm verdankt sich dem Protestantenpatent von 1861, das erstmals die Errichtung von Türmen sowie straßenseitigen Zugängen erlaubte.
Im Jahr 1900 wurde nach Plänen des Architekten Josef Zeillinger an der Chorseite ein Pfarrhaus im Stil der Kirche zugebaut. Der U-förmige Bau umschloss einen großzügigen Innenhof, der im Zuge einer Generalsanierung im Jahr 2014 mit einem Glasdach versehen und zu einem Gemeindesaal umgestaltet wurde. Ein zeitgleich errichteter Zubau aus Glas in sachlicher Formensprache dient als Foyer und ermöglicht zugleich einen barrierefreien Zugang zu einem Seiteneingang der Kirche.

Ludwig Schöne, Kirche, 1891-92
Josef Zeillinger, Pfarrhaus, 1900