Zum Inhalt springen
Aktuelle Seite: St. Pölten-Maria Lourdes
NÖS-229
Stadt St. Pölten

Franz Barnath

1959-1961

Mit der Errichtung eines Bahnhofs der Westbahn und der einhergehenden Gründung zahlreicher Fabriken entwickelte sich St. Pölten ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Industriestadt mit einem kontinuierlich steigenden Zuwachs der Bevölkerung. Aus den kleinen Orten rund um die Altstadt entstanden dicht besiedelte Stadteile, die im 20. Jahrhundert schrittweise als Bezirke in die Stadt St. Pölten eingemeindet wurden. Für die seelsorgliche Betreuung wurden neue Pfarrsprengel festgelegt und eine Reihe von Pfarrkirchen errichtet.

Bereits 1919 kaufte die Diözese St. Pölten im neu entstehenden Stadtteil „Zentrum Nord“ in der Nähe des 1884-85 errichteten Landeskrankenhauses ein Grundstück für einen zukünftigen Kirchenbau. Allerdings wurde erst im Jahr 1953 ein Kirchenbauverein gegründet, der Spendenaktionen organisierte und einen Wettbewerb für die architektonische Gestaltung ausschrieb.

Den ersten Preis errang der St. Pöltner Architekt Franz Barnath und im Jahr 1958 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung. In Erinnerung an die erste Marienerscheinung in Lourdes 100 Jahre zuvor, erhielt die Kirche den Titel Maria Lourdes. Im Jahr 1961 wurde für die rund 6000 Einwohner des neuen Stadtteils die neuer Pfarre Maria Lourdes eingerichtet.

Der Architekt plante einen hohen, rechteckigen Saalraum mit einem flachen Satteldach und einem eingezogenen Chor. An der Fassade ruft er durch einen modifizierten Portikus und ein großes Rundfenster die Erinnerung an vertraute Formulierungen mittelalterlichen Kirchen wach. Eine Kapelle bzw. ein Abstellraum zu beiden Seiten des Eingangs sowie eine Taufkapelle und als Pendent der 50 Meter hohe Turm verhelfen der Fassade des Langhausbaus zu einer monumentalen Breite.

Dem allgemeinen Trend, konventionelle Gestaltungsweisen neu zu interpretieren (mehr hier), folgt Barnath auch bei der Planung des Chors, indem er einen traditionellen Rundchor in die die Form einer Parabel überführt. Die Parabel, die erst im 20. Jahrhundert als architektonisches Gestaltungsmittel in Erscheinung tritt, bestimmt zugleich die Form der Taufkapelle. Dem Turm wiederum, den Barnath als „Wahrzeichen der Gesamtanlage“ versteht, gibt er durch eine „trapezoide, sich nach oben verjüngende“ Konstruktion eine neue geometrische Grundform.

An der rechten Langhausseite fügte Barnath ein - wie er betont - „sehr niederes Seitenschiff“ an, in dem sich Seitenkapellen, Seiteneingänge, der Zugang zur Taufkapelle und die Beichtstühle befinden.

Im Gegensatz zu vielen zeitgleich, in sachlich funktionaler Formensprache errichteten Kirchenbauten, hat Barnath den Baukörper vielteilig gegliedert, die Betonwände zum Teil mit Feldern aus traditionellem Steinmaterial akzentuiert sowie die Stahlbetonkonstruktion durch den Farbkontrast deutlich sichtbar gemacht und als Gestaltungsmittel der Fassaden eingesetzt.

„Der Kirchenraum soll,“ so Barnath, „mit der bewussten Einfachheit und Strenge zur Einkehr und Buße mahnen“. Er strukturierte den saalartigen, schmucklosen Innenraum durch Betonwandpfeiler, die an der Decke als einander kreuzende Betonrippen weitergeführt werden und an mittelalterliche Kreuzgratgewölbe erinnern. „Der Strenge des Raumes entsprechen die hochliegenden Fensterbänder, die an der Eingangsseite in einer mächtigen Rosette von sechs Meter Durchmesser und in zwei großen Glasfenstern ihre Fortsetzung finden.“ Die Glasfenster wurden von Robert Herfert geschaffen und stellen „Menschenschicksale“ dar, die durch das „rote Band der Liebe“ in der Muttergottes „Anfang, Ende und Erfüllung findet“. Die Farbgebung der Fenster erzeugt bei Sonnenlicht eine mystische violette Raumatmosphäre.

Der Chor ist durch mehrere Stufen erhöht und soll durch seitliche, „einengende Glasblenden“ die Lourdesgrotte symbolisieren. Im Scheitel des Chors ist an einem dunklen Mauerband eine 3,70 m hohe Marienstatue von Josef Rifesser angebracht.

Gleichzeitig mit der Errichtung der Kirche wurde an der linken Chorseite ein Pfarrhaus angebaut. 1994 – 1996 entstand daneben ein Pfarr- und Jugendzentrum.

Im Jahr 2009 wurde nach dem Entwurf des Bruders Thomas Hessler aus dem 1999 gegründeten Benediktinerkloster Gut Aich ein neuer Taufbrunnen aus Adneter Marmor (ein roter, polierfähiger Kalkstein aus Salzburg) angefertigt. Er wurde zentral im Kirchenraum vor dem Altar aufgestellt.

20. Jhd.