3830 Waidhofen an der Thaya
Lindenstraße 30
2003-2004

Im Jahr 1861 konstituierte sich in Znaim/Znojmo eine evangelische Pfarrgemeinde, die ihrerseits 1887 die Predigtstationen Heidenreichstein, Waidhofen an der Thaya und Groß-Siegharts gründete. Für die Feier der Gottesdienste wurden zunächst bestehende Gebäude angemietet.
1913 kaufte die evangelische Gemeinde Heidenreichstein den sogenannten Lindenhof in Waidhofen. Das einstöckige Gebäude wurde als Bahnhof der 1891 neu eröffneten Bahntrecke Schwarzenau – Waidhofen errichtet. Nachdem 1903 der Bahnhof geschlossen wurde, wurde das Gebäude zunächst als Waisenhaus verwendet, 1930 als Mehrfamilienwohnhaus adaptiert und 1941 wurde in einem Teil des Gebäudes ein Betsaal und eine Pfarrerwohnung eingerichtet. Während in Heidenreichstein bereits 1909 die Versöhnungskirche errichtet und in Gmünd 1910 eine neue Predigtstelle mit der Friedenskirche eröffnet wurde, blieb ein Kirchenbau in Waidhofen trotz mehrfacher Diskussionen über entsprechende Projekte lange Zeit unrealisiert. Erst als 1997 der Lindenhof wegen Baufälligkeit abgerissen werden musste, fiel der Beschluss zum Bau einer Kirche und nach Begutachtung mehrere Entwürfe wurde das Projekt des gebürtigen Griechen Efthymios Warlamis zur Ausführung bestimmt.
Warlamis war ein vielseitiger Künstler. Neben seinem Grundberuf als Architekt arbeitete er auch als Bildhauer, Maler, Designer und Schriftsteller und, wie es auf seiner Homepage heißt, war für ihn „die Kunst ein Medium, das alle Bereiche des Lebens durchdringt, gestaltet und erneuert.“ Der Künstler lebte ab dem Jahr 1986 in Schrems, wo er 2009 das „Kunstmuseum Waldviertel“ erbaute.
Warlamis war dem Waldviertel sehr verbunden und erstellte kostenlos die Pläne für die Kirche, die den Namen „Kirche der frohen Botschaft“ erhielt. Sie sollte ein Zeichen für Frieden, Toleranz und Versöhnung setzten und ausdrücklich der ökumenischen Gemeinsamkeit dienen. Als 2003 mit dem Bau begonnen wurde, wurde dementsprechend im Grundstein der Kirche ein Bruchstück des 1945 beschädigten Stephansdomes aus Wien, ein Originalstein aus Jerusalem und ein sakrales Objekt der orthodoxen Kirche eingemauert.
Der Kirchenraum ist als Zylinder ausgeführt, das Kegeldach erhielt an der Spitze eine Lichtkuppel, die eine symbolische Verbindung zwischen Sakralraum und Himmel herstellen soll. Die Kuppelbasis wird im Innenraum durch ein konsolenartiges Fries aus Holz markiert. Das Lesepult, der Altar und der Taufbrunnen sind gegenüber dem Eingang entlang der runden Kirchenwand aufgestellt. Verschieden große und in verschiedener Höhe angebrachte Fenster sowie von der Decke abgehängte zylindrische Lichtquellen erzielen eine freundliche, heitere Raumatmosphäre, die zur Zusammenkunft der Gläubigen einlädt.
Vor der Kirche befindet sich ein großzügig gestalteter Vorraum, von dem man an der linken Seite entlang gekrümmter Wände in die Kirche und zu diversen Nutzräumen gelangt, an der rechten Seite sind der Gemeinderaum und die Sakristei angeordnet. Der gesamte Gebäudekomplex wird durch eine breite, bogenförmig geschwungene Fassade zusammengefasst. Das Eingangsportal ist in einem vorspringenden Windfang außermittig angeordnet. Der Türe aus Holz ist ein gläsernes Kreuz eingefügt, das den Blick des Besuchers zum eigentlichen Kirchenbau lenkt. Darüber befindet sich ein Glasrosettenfenster mit der Darstellung der sogenannten „Lutherrose“. (Die Lutherrose wurde von Martin Luther im Jahr 1524 als Siegel und zur Kennzeichnung für autorisierte Drucke kreiert.) Links vom Eingang kennzeichnet ein schlichtes hölzernes Kreuz das Gebäude als Sakralbau. Es steht auf einem geschwungenen Sockel, der mit blauen Mosaiksteinen verkleidet ist und gemeinsam mit dem halbrunden Blumenbeet an der hell gestrichenen Fassade farbige Akzente setzt. Rechts vom Eingang ragt die Hälfte des Kirchenturms vor, der vom Kirchenvorraum zugänglich ist. Warlamis hat den kegelförmigen Turm als „Blütenkelch“ ausgebildet, wobei die Blüte wiederum das Motiv der Lutherrose aufgreift. Den Innenraum gestaltete er als Kinderkapelle.
Mit der Formulierung des Blütenkelchs hat er nach eigener Angabe eine „organische Form aus dem Reich der Natur“ aufgegriffen. Diese naturnahe, organische Architektursprache prägt durch unterschiedlich geschwungene Dach- und Wandkonstruktionen das Gebäude insgesamt. Verspielte Details, wie variierende Mauerstärken, unterschiedliche Fensterformen mit abgerundeten Ecken sowie unregelmäßig verteilte Wandnischen verleihen dem Bauwerk einen heiteren Charme.
Warlamis‘ außergewöhnlicher Kirchenbau weckt auf den ersten Blick Assoziationen zur Architektur von Friedrich Hundertwasser. Tatsächlich waren beide Architekten in Freundschaft verbunden. Beide verstanden Natur als grundlegenden Gegenpol zu einer rein funktionalistischen und technisierten Architektur. Allerdings setzten die beiden Architekten unterschiedliche Schwerpunkte: Während Hundertwasser die Natur im ökologischen Sinn durch Begrünung der Gebäude unmittelbar in die Architektur integrieren wollte, entwickelte Warlamis aus der Natur eine floral-organische Formensprache, die seine Architektur gestalterisch prägte.
Stilistisch ist die Waidhofener Kirche der sogenannten „Organischen Architektur“ zuordenbar, eine der vielen Architekturströmungen, die als Reaktion auf den Historismus seit der Jahrhundertwende entstanden sind. Charakteristisch für die architektonische Ausdrucksweise sind die Anlehnung an natürliche Strukturen sowie die Verwendung weicher, fließender Formen. Zu den bedeutendsten Vertretern dieser Richtung zählt Antoni Gaudí, dessen monumentale Sagrada Família (Erstellung der Pläne 1895) als herausragendes Beispiel einer naturinspirierten Architektursprache gilt. Auch im 20. Jahrhundert blieb die organisch-florale Formensprache lebendig und wurde von etlichen Architekten auf individuelle Weise immer wieder architektonisch neu interpretiert. In diesem Sinn kann die von Efthymios Warlamis entworfene Kirche „Zur frohen Botschaft“ in Waidhofen als gelungenes und überzeugendes Beispiel einer zeitgenössischen Interpretation der Stilrichtung „Organische Architektur“ angesehen werden.



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