3494 Gem. Grafenwörth
Jettsdorf
Obere Ortsstraße 2
Bildhauer
1921
Der enorme Verlust an Menschenleben im Ersten Weltkrieg hatte nahezu jede Familie und Dorfgemeinschaft unmittelbar betroffen und es entstanden insbesondere in den frühen 1920er Jahren zahlreiche Kriegerdenkmäler zum Gedenken an die Gefallenen.
Je nach finanziellen Möglichkeiten wurde deren Ausführung Bildhauern oder/und Architekten übertragen, wurden kostengünstige Kunststeinabgüsse erworben oder nur einfache Tafeln mit den Namen der Gefallenen zu einem Denkmal arrangiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden entsprechende Namenstafeln hinzugefügt.
Die zunehmende Nachfrage nach Krieger- und Grabdenkmälern veranlasste zahlreiche Bildhauer, in ihren Werkstätten Prototypen für solche Denkmäler zu entwerfen und von diesen Abgüsse in Kunststein herzustellen. Diese Objekte konnten in beliebiger Stückzahl produziert und als vergleichsweise kostengünstige Denkmäler angeboten und verkauft werden.
Eine dieser Bildhauerwerkstätten betrieb der St. Pölter Bildhauer Emilian Slabe. Es ist anzunehmen, dass er seine Ausbildung bei dem St. Pöltner Bildhauer Karl Prochaska absolvierte. Nach dessen Tod heiratete er 1895 die Witwe Viktoria Prochaska und wurde somit bereits mit 23 Jahren Firmenchef der Bildhauerwerkstätte, die er unter seinem Namen mit großem Erfolg weiter ausbaute. Nachdem Slabe im Jahr 1919 im Alter von nur 48 Jahren verstorben war, wurde die Werkstätte von seinen Schwagern Karl und nach dessen Tod Rudolf Prochaska als Firma Slabe weitergeführt.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte Slabe den Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf die Herstellung von Krieger- und Grabdenkmäler verlegt, die er in der Ausführung von Marmor, Granit oder Kunststein anbot. Eines der Modelle, das er für den Kunststeinabguss entwarf, fand insbesondere bei kleineren Gemeinden großen Anklang. Es zeigt eine 170 Zentimeter hohe Stele mit dem Hochrelief eines barhäuptigen Soldaten in der Uniform des Ersten Weltkriegs. Er stützt sich mit gesenktem Kopf auf sein Gewehr und die gesamte Körperhaltung kann individuell als Ausdruck von Trauer, Erschöpfung, Nachdenklichkeit oder Versunkenheit im Gebet interpretiert werden. Neben der Figur blieb ein Platz frei, auf dem die Käufer Inschriften anbringen konnten. Die Art der Aufstellung, d.h. die architektonische Präsentation der Stele konnte jeweils vor Ort individuell gestaltet und von örtlichen Baumeistern ausgeführt werden.
Slabe hat jedoch nicht nur die Stelen verkauft, sondern gleichzeitig auch einen Vorschlag für die architektonische Gestaltung des Kriegerdenkmals angeboten. Sein Entwurf sah für die Aufstellung der Stele die Errichtung eines mehrfach gestuften, quaderförmigen Sockels vor. Ein zurückgesetztes, durch Dreiviertelsäulchen an den Eckkanten betontes Mittelteil war für die Namenstafel der Gefallenen vorgesehen. Zusammen mit der Stele erreichten diese Denkmäler eine imposante Gesamthöhe von rund 4,5 Metern. Sie wurden zumeist in unmittelbarer Nähe der örtlichen Kirche errichtet.
Dieser Prototyp hat anscheinend großen Zuspruch gefunden. Denn von den zehn bislang bekannten Denkmälern wurden acht entsprechend diesem Entwurf errichtet. Nach heutigem Forschungsstand wurde das erste Exemplar im Bundesland Salzburg in Thalgau realisiert und am 24.10 1920 geweiht. Der Sockel wurde allerdings 1980 von dem Architekten Thomas Gangl neu und aufwändiger gestaltet. Die übrigen Denkmäler wurden in Bezirken rund um die Stadt St. Pölten errichtet, wo sich Slabes Werkstätte befand.
Der kleine Ort Jettsdorf mit rund 350 Einwohnern zeigt beispielhaft die Realisierung von Slabes Modell. Ungewöhnlich ist, dass die Gemeinde das Denkmal nicht nur den Toten des Ersten Weltkriegs, sondern auch jenen, die ihn überlebten widmete, wie die Gravur auf der Stele zeigt: „Gewidmet den im Weltkrieg 1914 - 1918 gefallenen Helden der Gemeinde Jettsdorf und den Heimkehrern".
Da die unmittelbar an der Ortskapelle Hl. Jakobus vorbeiführenden Straßen eine Aufstellung des Denkmals vor der Kapelle verunmöglichten, wurde es vor der Volkschule auf einem durch Stufen erhöhten Platz aufgestellt. Am 24 Juli 1921 erfolgte die Weihe. Zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt, jedenfalls aber nach 2011 wurde das Denkmal im Zuge einer Renovierung auf den heutigen Platz ungefähr 180 Meter weiter südlich versetzt.
Die kostengünstige Herstellungsweise von Kunststein ließ zahlreiche Fabriken entstehen, die ihre Waren mittels Musterbücher zum Verkauf anboten. Die Bildhauerwerkstätten, die die Kunststeinerzeugung in ihr Programm aufnahmen, machten hingegen ihre Erzeugnisse vor allem durch Inserate bekannt. Zum Teil wurden die Denkmäler durch Berichte in Lokalzeitungen fassbar. So ist es gelungen, die zehn Kunststeinstelen von Emilian Slabe aufzufinden und damit ein anschauliches Beispiel für die Bedeutung dieses im 19. Jahrhundert neu entstandenen Industriezweigs zu liefern.
Weitere Exemplare von Slabes Prototyp befinden sich in den Orten Neustift im Felde, Rossatz, Gansbach und Stollhofen (Traismauer). Die Orte Haunoldstein und Kettenreith errichteten Slabes Modell, nahmen jedoch später Veränderungen vor. Die Orte Inzersdorf ob der Traisen sowie Pyhra wählten für die Aufstellung der Stele eine aufwändiger gestaltete architektonische Präsentation.


Aufstellung vor der Schule

Kriegerdenkmal Thalgau, Salzburg

Kriegerdenkmal Thalgau, Salzburg
ursprüngliche Gestaltung